Durch einen euphorischen Artikel im SZ-Reiseteil angespornt
brachen Tillmann und Maxi 1996 auf zur Großfahrt nach Albanien.
Sie trampten von München nach Bari, nahmen die Fähre
nach Durres und bereisten den Süden des Landes: Vlora, Sarande,
Gjirokastra, Berat, Tirana.
Von Bari aus sind wir mit der Fähre nach Durres, der größten
Hafenstadt Albaniens gefahren. Sieben Uhr morgens, müde verlassen
wir das Schiff. Seit dem großen Exodus 1992 sind alle Häfen
militärisches Sperrgebiet. Jenseits der Sperre erwartet uns
schon ein Pulk Menschen: Bettler, Händler, Taxifahrer.
Als wir uns endlich durch die Menschenmenge gekämpft haben,
beschließen wir, Durres sofort zu verlassen. Mit dem Bus
fahren wir in die 120km südlich gelegene Küstenstadt
Vlora. Die Straße ist schlecht, und es ist viel Verkehr,
die Fahrt dauert insgesamt vier Stunden.
Das private Busnetz Albaniens ist sehr gut organisiert; die Busse
fahren oft, und man kann auch abgelegenere Gebiete erreichen.
Die Albaner haben ausgemusterte Busse von der ganzen Welt zusammengekauft;
oft sind noch die alten Zieltafeln hängengeblieben ("Frankfurt-Oberkassel",
"Hongkong"). Die Eisenbahn ist im Gegensatz zu den Bussen am Ende:
Sie fährt noch langsamer und es scheint nur noch die Strecke
Durres - Tirana - Pogradec bedient zu werden.
Die Strecke nach Vlora führt durch die Ebene von Fier, das
ist die einzige Stelle, an der Albanien nicht hügelig ist...
Kleine Städte mit Bazaren und Moscheen liegen an der Straße.
Zumindest sind hier keine Bettlerhorden mehr zu sehen.
Auch Vlora präsentiert sich sehr sympathisch: Unbehelligt
können wir auf dem großen Boulevard aus dem Bus steigen.
Hier fällt uns ein großes modernes Monument auf. Es
stammt jedoch nicht aus der Ära des Kommunismus, an der Jahreszahl
1912 erkennt man, daß es sich hier um ein Denkmal für
die albanische Staatsgründung handelt. Bis 1912 war Albanien
Teil des Osmanischen Reichs gewesen. Hier in Vlora wurde damals
der erste albanische Staat gegründet.
Natürlich wissen wir mal wieder nicht, wo wir übernachten
sollen, und so gehen wir halt erst mal zum Strand. Offenbar schein
Vlora so eine Art Saint Tropez Albaniens zu sein, am drei Kilometer
langen Sandstrand ist kaum mehr ein freier Quadratmeter zu finden.
Die vielen Strandcafes und die Nobelkarossen tun das übrige
zum Coté d' Azur-Feeling.
Ein Stückchen weitergegangen und wir haben einen albanischen
Pfadfinder getroffen, mit dem wir uns einen netten Beach-Nachmittag
gemacht haben. Abends kamen dann noch drei andere Pfadis und wir
haben eine kleine Beachparty auf einer Terrasse gemacht.
Die erste Nacht haben wir auf dieser Terrasse geschlafen, am nächsten
Tag haben uns die Leute vom Haus liebevoll aufgenommen... Es kommt
hier oft vor, daß Fremde so herzlich empfangen werden, denn
es kommen ja nur wenige hierher. Und so paart sich die albanische
Gastfreundschaft mit der Neugier nach der westlichen Welt. Manchmal
kann das auch unerwünschte Nebenwirkungen haben: In der ersten
Nacht hat uns jemand geweckt, der es überhaupt nicht verstehen
wollte, daß wir im Freien schlafen wollten und nicht in
seinem Haus.
Am nächsten Tag sind wir dann zu Fuß nach Süden
aufgebrochen. In einem mehrtägigen Marsch wollen wir Sarande,
eine Stadt an der Südspitze des Landes, erreichen. Da wir
erst nachmittags aufgebrochen waren, liefen wir am ersten Tag
bis zehn Uhr abends. Ein Rohbau am Straßenrand bot sich
als Schlafstätte an...
"Mist, erwischt..." - am nächsten Morgen kam ein kleiner
Junge auf einem Esel den Hang hinter dem Rohbau hinunter. Kurze
Zeit später war auch sein Vater da. Und da sind wir extra
um halb sechs aufgestanden. Doch der Bauer war nicht mal böse.
Statt dessen hat er uns ein nettes Frühstück bereitet:
Türkischer Kaffee, Pflaumen und Grappa.
Nach dieser willkommenen Stärkung machten wir uns schleunigst
auf den Weg, denn wir hatten uns für heute viel vorgenommen:
Die Überwindung des 1055m hohen Llaghara-Passes und insgesamt
35km Wegstrecke. Glücklicherweise hatten wir uns die richtige
Seite zum Aufstieg ausgesucht. Alle drei bis fünf Spitzkehren
kam eine Hochebene, so daß man immer wieder neue Kräfte
fassen konnte.
Oben angekommen sah man die andere Seite: Ein steiler Abhang tausend
Höhenmeter zum Dorischen Meer hinunter.
Der Besitzer der Bar auf der Passhöhe lud uns zu einer Pepsi
ein. Dann wurden wir jedoch ziemlich hart mit der albanischen
Müllentsorgungspraxis konfrontiert, als der Barkeeper uns
aufforderte, die leeren Dosen einfach runter zum Meer zu werfen...
Lange nach Einbruch der Dunkelheit kamen wir schließlich
beim Meer an. Müde und erschöpft legten wir uns in die
Schlafsäcke. An den nächsten Tagen gingen wir weiter
am Strand entlang Richtung Süden. Kleine verwinkelte Städtchen
und trotzige Türkenfestungen am Wegesrand haben der Strecke
den Namen "Route No.1 Albaniens" eingebracht.
Das letzte Stück der Strecke nach Sarande sind wir dann doch
getrampt, weil wir vom ständigen auf und ab genug hatten.
Die Stadt Sarande liegt an der Dorischen Küste der Insel
Korfu gegenüber, dadurch ist sie sehr westlich geprägt.
Wie überall wußten wir natürlich mal wieder nicht,
wo wir übernachten sollten. Während Tillmann, mein Fahrtengenosse,
beim Einkaufen war, lief zufällig der Gründer und Präsident
der albanischen Pfadfinder, Mihal Dhima, vorbei und schon war
die Homehospitality für die nächsten zwei Tage gesichert.
Noch weiter südlich von Sarande, an der Grenze zu Griechenland,
liegt die antike Ausgrabungsstadt Butrint. Sie war von 200 v.
Chr. bis ins 19. Jh. n. Chr. besiedelt, und so kann man hier Ruinen
aus 2.000 Jahren besichtigen.
Als nächstes kamen wir dann nach Girokastra, einer Museumsstadt,
die am Fuße der größten Burganlage des Landes
liegt. Nachdem wir die Burg besichtig hatten, erlaubten uns die
Wächter, auch dort zu schlafen.
Die weiteren Etappen unserer Reise waren Korsa, Pogradecs, Lin
am Orchid-See und die Ausgrabungsstätte Apolonia (s. Bild).
Bevor wir dann nach Tirana kamen, waren wir dann in Berat, der
zweiten Museumsstadt Albaniens. Da wir schon wußten, daß
es dort auch Pfadfinder gibt, konnten wir die erste Nacht bei
ihrem Stammesführer und die zweite im Atelier eines Malers
(auch Pfadi) übernachten.
Glücklicherweise arbeiteten unsere beiden Pfadi-Freunde bei
den Renovierungsbetrieben der Museumsstadt, so konnten sie uns
eine sehr kompetente Stadtführung machen. Ausserdem hatten
sie die Schlüssel zu den wirklich sehenswerten Kirchen in der
Altstadt.
Die erste davon war die Blachernenkirche. Eine kleine, unscheinbare
Kirche, doch der gesamte Innenraum ist mit mittelalterlichen Fresken
bemalt. Shen Maria, eine etwas größere Kirche ist jetzt
ein Ikonostasen-Museum. Hier werden viele bedeutende Werke des
Künstlers Onufri und seiner Schüler ausgestellt. Die
Kirche selbst ist ebenfalls sehr beeindruckend, da noch die komplette
Einrichtung aus dem Mittelalter erhalten ist.
Nach Tirana sind wir eigentlich nur gefahren, um die Museen zu
besichtigen. Fast alles, was bei Ausgrabungen in Albanien gefunden
wurde, wurde nach Tirana gebracht. Im Historischen Museum am Hauptplatz
ist außerdem eine sehr interessante Ausstellung über
die Unterdrückung der Bevölkerung während des Sozialismus
zu sehen.
Abschließend wäre noch zu sagen, daß wir wirklich überall
freundlich und zuvorkommend behandelt wurden. Das landläufige
Vorurteil, daß man von allen Albanern übers Ohr gehauen
wird, wurde jedenfalls gründlich wiederlegt.
aus action 4-96
Anmerkung: Weihnachten nach unserer Fahrt brach ein Bürgerkrieg
aus, seitdem wird von Reisen nach Albanien abgeraten. Näheres
auf den Internetseiten
des Auswärtigen Amts.